Prüfungen in Zeiten von Corona

Faire Prüfungsbedingungen gewährleisten

Smartphone
Im Hörsaal oder zu Hause, elektronisch oder auf Papier: Die UZH hat in den vergangenen Semestern Mut zur Prüfungsvielfalt bewiesen

Wie führt man unter Pandemiebedingungen Prüfungen durch? Die Fakultäten der UZH haben in den vergangenen Semestern unterschiedliche Strategien gewählt. In unserem vierseitigen Schwerpunkt zeigen wir anhand von Beispielen auf, wie vielfältig die Erfahrungen sind, die Studierende, Dozierende und Mitarbeitende mit den «Corona-Prüfungen» gemacht haben, und welche (didaktischen) Lehren die UZH aus der Krise ziehen kann. 

Von Alice Werner

 

Faire Prüfungsbedingungen gewährleisten

Corona-Krise als Katalysator

Lehren und Lernen neu denken

Neue Lehrformate und Leistungskontrollen ermöglichen

Faire Prüfungsbedingungen gewährleisten

Die Mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät setzt seit dem Herbstsemester 2020 wieder auf Präsenzprüfungen. Studiendekan Thierry Hennet erklärt, wie es zu dieser Entscheidung gekommen ist.

«Unser Entscheid gründet in den Erfahrungen, die wir im Frühjahrssemester 2020 gemacht haben, als wir die Prüfungen aufgrund des Lockdowns vorwiegend online durchführen mussten. Im Hinblick auf die Leistungen der Studierenden stellten wir damals im Vergleich zu früheren Semestern auffällige statistische Abweichungen fest: Es gab deutlich mehr bessere und deutlich mehr schlechtere Noten als bis anhin.
Zudem wurden im vergangenen Frühjahr an unserer Fakultät rund 100 Betrugsfälle aufgedeckt und in rund 30 Fällen entsprechende Disziplinarverfahren eingeleitet. Die Dunkelziffer war möglicherweise noch höher. Wir sind daher zum Schluss gekommen, dass wir unter den gegebenen Umständen und mit den zur Verfügung stehenden (technischen) Mitteln keine fairen Online-Prüfungen an-bieten können. Die Studierenden haben zu Hause sehr unterschiedliche Arbeitsbedingungen, das führt zwangsläufig zu Ungerechtigkeiten. Ausserdem haben wir momentan keine geeignete Software, mit der wir Studierende mit vernünftigem Aufwand und ohne Verletzung von Grund- oder Datenschutzrechten zu Hause überwachen können.

Allein auf Vertrauen zu setzen, ist uns zu wenig. Wir fühlen uns den ehrlichen Studierenden gegenüber verpflichtet und wollen deshalb allen dieselben, kontrollierten Prüfungsbedingungen bieten. Vor allem bei den schriftlichen Assessment-Prüfungen in den Bachelorstudiengängen, die für das Weiterkommen im Studium entscheidend sind, ist die physische Präsenz zur Gewährung der Fairness unerlässlich. Dieselbe Haltung vertreten übrigens die meisten technisch-naturwissenschaftlichen Fakultäten in der Schweiz.»

Thierry Hennet, Studiendekan der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät

Hohe Prüfungsqualität sichern

Anita Holdener ist stellvertretende Leiterin digitale Lehre und Forschung an der Philosophischen Fakultät. Auf der Grundlage von Evaluationen unterstützt sie die Dozierenden dabei, Online-Prüfungen qualitativ weiterzuentwickeln.

«Bei der Evaluation von Online-Prüfungen geht es vor allem um zweierlei: Erstens versuchen wir, Unregelmässigkeiten und mögliche Betrugsfälle ausfindig zu machen. Das ist eine heikle Aufgabe, denn nicht jede Auffälligkeit basiert auf Schummelei. Bei einfachen Testfragen zum Beispiel, die auf Vorlesungswissen basieren, kann es durchaus vorkommen, dass mehrere Studierende unabhängig voneinander übereinstimmende Antworten geben.
Was mich zum zweiten Punkt bringt, um den es uns geht: die Prüfungsqualität. Gerade bei Multiple-Choice-Prüfungen, die man gut statistisch auswerten kann, lässt sich eruieren, wie gut die Fragen und wie angemessen deren Schwierigkeitsgrad war. Zudem haben wir uns angeschaut, welche klassischen Prüfungsformate sich für elektronische Klausuren eignen und welche alternativen, variableren Formen vielleicht besser funktionieren. Für kleinere Veranstaltungen sind beispielsweise kreative Prüfungsnachweise ideal, für die die Studierenden etwas erarbeiten müssen – etwa einen Podcast aufnehmen oder ein Video kreieren, einen Blog-Artikel schreiben oder ein 3D-Objekt auf Grundlage von Archivrecherchen erstellen. Generell wäre es sicherlich sinnvoll, eine Art Qualitätscheck in den Prüfungsprozess einzubauen, mit dessen Hilfe wir den Dozierenden Feedback geben und gegebenenfalls Support anbieten können.»

Anita Holdener, Stellvertretende Leiterin digitale Lehre und Forschung an der Philosophischen Fakultät

Neues Prüfungskonzept entwickeln

Die Prüfungen an der Vetsuisse-Fakultät finden seit dem Herbstsemester 2020 wieder vor Ort in digitaler Form statt. Stu­dienplanerin Olivia van der Reijden hat im vergangenen Semester als Mastermind und Notfallkontakt im Hintergrund grosse organisatorische Verantwortung getragen.

«Da unsere Studierenden die schriftlichen Prüfungen seit der 2006 erfolgten Fusion mit der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Bern zeitgleich mit den Berner Studierenden schreiben, haben wir die Umstellung auf elektronische Prüfungen vor Ort schon vor Längerem vollzogen.
Normalerweise obliegt die Durchführung der elektronischen Prüfungen einer externen Firma, die an den Prüfungstagen sowohl Soft- als auch Hardware (Laptops, sicherer Server) zur Verfügung stellt und die technische Verantwortung trägt. Weil wir die Klausuren wegen der geltenden Abstands- und Hygieneregeln in mehreren Räumen parallel abhalten mussten, war das bewährte Prüfungskonzept technisch nicht umsetzbar. Daher hat die Fakultät die Organisation und einen Teil der technischen Verantwortung übernommen. Mit 80 freiwilligen Studierenden haben wir den Ablauf vorgängig vor Ort getestet. Wir haben administratives und technisches Aufsichtspersonal geschult und aufgeboten, Ersatzgeräte organisiert, die Hörsäle technisch aufgerüstet und für die Studierenden Probedurchläufe angeboten, da sie zur Online-Prüfung ihre eigenen Endgeräte mitbringen mussten. Die Prüfungen unter strikter Einhaltung unseres ausgesprochen strengen Schutzkonzepts durchzuführen, war eine grosse Herausforderung – zum Glück ist alles glattgegangen.»

Olivia van der Reijden, Studienplanerin Vet-Suisse Fakultät

Prüfungen in den Online-Modus transferieren

Andreas Thier, Professor für Rechtsgeschichte, Kirchenrecht, Rechtstheorie und Privatrecht, hat die Umstellung auf Online-Prüfungen als eine gewaltige Herausforderung erlebt. Positiv überrascht hat ihn die Erkenntnis, wie tauglich die neuen Prüfungsformate sind.

«Wir managen an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät jedes Semester Tausende von schriftlichen Leistungsnachweisen. Der Aufwand, alle Prüfungen vom Präsenz- in den Online-Modus zu transferieren, war enorm. Das begann bereits bei der Bereitstellung der Prüfungsplattformen und der Neuorganisation der Prüfungsabläufe. Zudem mussten sich die Dozierenden in zum Teil völlig neue Prüfungsformate und -techniken einarbeiten. Weil unsere Studierenden ihre Unterlagen und das Internet nutzen durften, mussten wir vielfach die Prüfungsfragen ändern. So haben wir zum Beispiel in der Rechtsgeschichte anstelle von eher repetitiven Fragestellungen Verständnisfragen und Textinterpretationen gesetzt. In Prüfungen anderer Fachgruppen haben die Dozierenden den üblichen Stil beibehalten, dabei allerdings die Aufgabenfülle deutlich gesteigert.
Für alle Prüfungsbeteiligten war die Umstellung eine gewaltige Herausforderung. Dank unseres engagierten Studiendekanats und der grossartigen Unterstützung der Informatikdienste hat der Übergang administrativ und technisch sehr gut funktioniert. Dass sich in diesem Prozess Prüfungsformate als tauglich, sinnvoll und zuverlässig erwiesen haben, denen wir bislang eher zurückhaltend gegenübergestanden haben, ist die für mich positivste Erkenntnis.»

Andreas Thier, Professor für Rechtsgeschichte, Kirchenrecht, Rechtstheorie und Privatrecht.

Massnahmen zur Prüfungsüberwachung etablieren

David Graf studiert Wirtschaftswissenschaften, engagiert sich im Vorstand des Fachvereins Ökonomie (fvoec) für unipolitische Themen und ist Fraktionsleiter im VSUZH-Rat. Im Zusammenhang mit Online-Prüfungen beschäftigt ihn besonders das Thema Fairness.

«Die Studierenden an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät (WWF) -haben im vergangenen Jahr überwiegend gute Erfahrungen mit den Remote-Open-Book-Prüfungen gemacht. Das positive Stimmungsbild beruht auf den Rückmeldungen von Studierenden, die der Fachverein erhalten hat, auf Gesprächen mit Kommiliton*innen und Fachvereins-kolleg*innen sowie auf eigenen Erlebnissen. Dass die ersten Online-Prüfungen im Frühjahrssemester 2020 reibungslos und relativ unaufgeregt verlaufen sind, ist zum grossen Teil der frühzeitigen und transparenten Kommunikation des Dekanats zu verdanken, das uns Studierende von Beginn an in die Diskussion von Lösungswegen miteinbezogen hat. So war uns recht schnell klar, dass es in dieser Ausnahmesituation aussergewöhnliche Massnahmen braucht. Die Umstellung auf Online-Lehre und Online-Prüfungen hat gut funktioniert, auch wenn dies zu Beginn ein wenig gewöhnungsbedürftig war.
Herausfordernd fand ich persönlich den hohen Zeitdruck während der Prüfung, mit dem Schummeleien verhindert werden sollen, in Kombination mit Prüfungsdesigns, bei denen es keine Zurück-Funktion gibt – einmal beantwortete Fragen kann man nachträglich nicht mehr bearbeiten oder ergänzen. Dies macht es sehr schwierig, sich die Zeit pro Antwort richtig einzuteilen. Ich hatte im letzten Semester beispielsweise eine Prüfung, bei der ich alle Aufgaben zügig hintereinander gelöst habe und zehn Minuten früher fertig war. Unter Prüfungsbedingungen vor Ort hätte ich die verbliebene Zeit für eine Überarbeitung meiner Antworten nutzen können – unter Online-Bedingungen habe ich die zehn Minuten unfreiwillig verschenkt.
Das bringt mich zum wohl wichtigsten Punkt, der die Studierenden an der WWF umtreibt: die Sorge, dass Mitstudierende bei Remote-Prüfungen vermehrt betrügen und dass in der Arbeitswelt der Eindruck entstehen könnte, wir hätten unsere Abschlüsse durch erfolgreiches Schummeln erlangt. Der WWF-Ehrenkodex mildert diese Sorgen zwar, aber ein angemessenes Level von Online-Proctoring zugunsten von beispielsweise variableren Prüfungsdesigns wäre durchaus im Interesse der Studierenden. Da Krisen auch Chancen bieten, würde eine vernünftige Intensivierung solcher Massnahmen den Grundstein dafür legen, dass auch nach Covid-19 einige Prüfungen im Online-Format absolviert werden können.»

David Graf, Vorstandsmitglied des Fachvereins Ökonomie (fvoec)

Kommunikation über Prüfungsabläufe intensivieren

Die Rechtswissenschaftliche Fakultät hat im Herbstsemester 2020 auf Online-Prüfungen umgestellt. Die grösste Herausforderung war dabei laut Prüfungsplanerin Laura Beccarelli die Kommunikation.

«Die komplette Umstellung von analogen auf digitale Prüfungen im vergangenen Herbstsemester war organisatorisch und administrativ extrem aufwendig. Besonders anspruchsvoll war es, die Studierenden und die Examinator*innen über die Durchführung der elektronischen Prüfungen sowie die Einzelheiten der Prüfungsgestaltung einschliesslich der technischen Anforderungen wirkungsvoll zu informieren. Die Informationen fanden nicht immer die nötige Beachtung. Und nicht alle Studierenden machten von der Möglichkeit Gebrauch, das Online-Prüfungssystem im Rahmen einer Probeprüfung kennenzulernen.
Entsprechend grösser war die Zahl der Supportanfragen während der Prüfung. Zum Glück gab es im Herbstsemester 2020 an unserer Fakultät nur kleinere Remote-Prüfungen mit 30 bis 250 Teilnehmenden. Um uns für die grossen Jahresprüfungen der Assessment- und Aufbaustufe im laufenden Frühjahrssemester zu wappnen, intensivieren wir zurzeit unsere Bemühungen um eine noch bessere Information. Überdies wollen wir die Studierenden noch stärker als bisher dazu motivieren, sich vorgängig mit den technischen Einzelheiten der Online-Prüfungen vertraut zu machen.»

Laura Beccarelli , Leiterin Prüfungsplanung an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät

Konzeptionell anspruchsvoll

Zwei Dozierende berichten über die Herausforderung, Online-Prüfungen zu konzipieren: Marina Haller, Dozentin und Leiterin der Prüfungskoordination am Psychologischen Institut, und Marc Thommen, Professor für Strafrecht und Strafprozessrecht

Marina Haller: «Wir haben im Fach Statistik Online-Prüfungen mit etwa 700 Studierenden durchgeführt. Als erstes mussten wir sicherstellen, dass technisch alle Studierenden in etwa dieselben Bedingungen vorfanden, da ging es sogar um kleine Details wie die Darstellung von Screenshots im Olat. Bei der Konzipierung der Prüfung haben wir – um Betrug zu vermeiden – beispielsweise verschiedene Varianten von Prüfungsaufgaben entworfen, die jedoch vom Schwierigkeitsgrad her vergleichbar sein mussten. Das ist gar nicht so einfach. Für grosse Prüfungen – in diesem Semester rechnen wir mit etwa 1000 Studierenden – eignen sich Präsenzprüfungen besser, weil wir Dozierenden weniger konzeptionellen Aufwand haben. Für die kleineren Module und Kurse mit fortgeschrittenen Studierenden sind Online-Prüfungen gut geeignet, denn die Aufgabenstellung ist in der Regel so komplex, dass Abschreiben keinen Sinn macht. Ausserdem muss niemand extra für eine Prüfung anreisen.»

Marc Thommen: «Die Online-Prüfungen bei den Rechtwissenschaften brachten eine grosse Neuerung mit sich: Grundlage war nicht mehr das Open-Book sondern das Open-Internet. Alles, was aus dem Netz kopiert werden kann, sollte also nicht Inhalt der Prüfung sein. So fragte ich nicht, was im Gesetz steht, sondern wie ein Gesetz formuliert werden muss, damit es greift. Das erfordert vernetztes und konzeptuelles Denken. Ich bin dagegen, die Studierenden während der Prüfung zeitlich unter Druck zu setzen, so dass sie keine Ruhe mehr haben, zu recherchieren. Vielmehr geht es darum, die Informationen, die da sind, intelligent zu nutzen.»

Marina Haller ist Dozentin und Leiterin der Prüfungskoordination am Psychologischen Institut.
Marc Thommen ist Professor für Strafrecht und Strafprozessrecht.