Lehren und Lernen neu denken

Uschi Backes-Gellner leitet an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät (WWF) eine Task Force, die sich aus Expert*innen für Online-Lehre und Online-Prüfungen zusammensetzt. Im Interview erzählt die BWL-Professorin und Prodekanin, wie die Fakultät die «Corona-Prüfungen» gemeistert hat – und welche Impulse sie aus der Krise für die künftige Entwicklung der Hochschullehre zieht..

Interview: Alice Werner

Die WWF hat bereits wenige Tage nach dem Lockdown im März 2020 und der in kürzester Zeit erfolgten Transformation von Lehre und Verwaltung ins Digitale erste Online-Prüfungen durchgeführt. Welches waren dabei die grössten Herausforderungen?

Uschi Backes-Gellner: Wir mussten unter unsicheren Bedingungen und wechselnder Informationslage rasch handeln und weitreichende Entscheidungen treffen. Tatsächlich standen in einigen Fächern bereits kurz nach der Umstellung von Präsenz- auf Online-Unterricht wichtige Zwischen- und Endprüfungen an. Innerhalb der Fakultät waren wir uns schnell über das oberste Ziel unserer Massnahmen einig: dass alle Studierenden ihr Semester regulär, in der dafür vorgesehenen Zeit, mit den geplanten Prüfungsthemen und mit durchgehend hoher Qualität zu Ende bringen können. Klar war ausserdem, dass wir dies nur schaffen, wenn wir alle zur Verfügung stehenden Kräfte, alle Informationen, Erfahrungen und alles Know-how innerhalb der Fakultät bündeln. Im Grunde war dies ein wunderbares Beispiel dafür, wie Schwarmintelligenz genutzt werden kann, um in einem unerforschten Gebiet schnell weiterzukommen und kluge Entscheidungen zu treffen. Wichtig war auch, dass wir sofort eine Task Force eingerichtet haben, die unsere Qualitätsstandards in Online-Lehre und Online-Prüfungen sicherstellt, sowie ein technisches Supportteam für unsere Dozierenden organisiert haben. Im Rückblick waren die Prüfungen zu Beginn der Umstellung sogar beinahe ein Glücksfall. So konnten wir frühzeitig wichtige Erfahrungen sammeln und Vertrauen schaffen. Dass die rund 11 500 Prüfungen im Frühjahrssemester 2020 ohne nennenswerte Zwischenfälle über die Bühne gegangen sind, hat den Studierenden sicherlich geholfen, allfällige Ängste abzubauen.

Auf welche Anforderungen wurde bei der Umstellung von analogen auf digitale Prüfungen besonderer Wert gelegt?

Backes-Gellner: Wir haben sehr darauf geachtet, dass eine hohe inhaltliche Qualität der Online-Prüfungen eingehalten wird. Deswegen haben wir auch die Prüfungstypen der einzelnen Veranstaltungen nicht geändert, sondern versucht, die Inhalte möglichst adäquat ins Digitale umzusetzen. Unser Supportteam hat die Dozierenden hierbei eng begleitet. Sicherstellen wollten wir ausserdem, dass die Prüfungen betrugssicher sind, dass also sowohl Kollaborationen als auch Identitätsbetrug verhindert werden. Für jede einzelne Prüfung haben wir daher eine separate Risikoabwägung vorgenommen, das heisst uns überlegt, wie gross die Gefahr ist, dass bei dieser Prüfung geschummelt werden kann, und welche inhaltlichen Vorkehrungen oder technischen Überwachungsmassnahmen zum Einsatz kommen könnten.

Welche (technischen) Lösungen hat die WWF eingesetzt, um Schummeln zu verhindern?

Backes-Gellner: Um Identitätsbetrug zu verhindern, mussten sich unsere Studierenden zu Beginn ihrer Prüfung mit ihrem AAI-Login anmelden. Bei Prüfungen, in denen eher Standardwissen als Vorlesungsinhalte abgefragt wird, haben wir zudem Gesichtskontrollen via Zoom eingesetzt. Unerlaubte Zusammenarbeiten von Studierenden können recht effektiv mit dem richtigen Prüfungsdesign verhindert werden, zum Beispiel durch die Randomisierung von Prüfungsfragen und Antwortoptionen bei Multiple-Choice-Prüfungen, durch die Erstellung unterschiedlicher Versionen einer Aufgabe, durch eingeschränkte Navigation oder auch durch bewusst gesetzten Zeitdruck.

Über den hohen Zeitdruck bei Online-Prüfungen haben sich viele Studierende (auch anderer Fakultäten) beklagt.

Backes-Gellner: Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass hoher Zeitdruck während einer Prüfung Stress auslösen kann – selbst wenn man weiss, dass die Prüfungen zur Betrugsvermeidung extra so konzipiert sind, dass man nicht alle Aufgaben in der vorgesehenen Zeit lösen kann und dass dies im Bewertungsschema sogar einkalkuliert ist. Ich denke aber, dass bei den Studierenden diesbezüglich ein gewisser Gewöhnungseffekt eintreten wird. Im Übrigen hat sich die Aufregung der Studierenden schnell gelegt, als die Notenverteilung bekannt gegeben wurde. Tatsächlich haben auch eine Analyse der Noten aus den Online-Prüfungen sowohl des letzten Frühjahrs- als auch des vergangenen Herbstsemesters und ein detaillierter Vergleich mit den vorhergehenden Jahren keinerlei Auffälligkeiten bei den Online-Prüfungsformaten ergeben. Die Notenverteilungen der Veranstaltungen sind jeweils nahezu identisch.

Plant die Fakultät die grossen Assessment-Prüfungen nach dem ersten und zweiten Semester dauerhaft virtuell durchzuführen?

Backes-Gellner:: Das ist eine der Optionen, die wir erwägen; aber wir prüfen auch weitere Optionen, die es gegebenenfalls ermöglichen, die guten Erfahrungen aus der Corona-Zeit für langfristige Verbesserungen zu nutzen. Weil in einigen unserer Assessment-Veranstaltungen bis zu 1000 Studierende geprüft werden, mussten wir bislang eine grosse Halle der Messe Zürich mieten. Den Organisationsaufwand und die hohen Mietkosten könnte man künftig vermeiden und sich stattdessen für eine Qualitätsverbesserung von Online-Prüfungen einsetzen.

Welche Schritte wurden diesbezüglich schon unternommen?

Backes-Gellner: Aktuell führen wir ein Pilotprojekt mit einer neuen Prüfungssoftware durch. Diese bietet – gerade was Prüfungsfragen im Bereich Mathematik und Informatik anbelangt – mehr Möglichkeiten als die momentan zur Verfügung stehende elektronische Prüfungsunterstützung EPIS. Dabei möchte ich aber betonen, dass uns die EPIS-Software in den letzten Semestern für viele Veranstaltungen hervorragende Dienste geleistet hat und weiter leistet. Nur brauchen wir bei manchen Lehrveranstaltungs- und Prüfungstypen zusätzliche Features, um wirklich gute Prüfungen erstellen zu können – daher testen wir momentan eine alternative Prüfungssoftware. Diese ist zudem kompatibel mit einem sicheren Prüfungsbrowser, der Schummeleien und Identitätsbetrug erschwert. Mit diesem können zum Beispiel auch von zu Hause aus Closed-Book- bzw. Closed-Internet-Prüfungen durchgeführt werden. Läuft das Projekt gut an, werden wir die Pilotphase im Herbstsemester 2021 und im Frühjahrssemester 2022 auch für ausgewählte Veranstaltungen der Assessment-Stufe einsetzen.

Die Akzeptanz virtueller Lehr-, Lern- und Prüfungsformate auf Seiten der Studierenden und Dozierenden ist während der Corona-Pandemie deutlich gestiegen. Sieht die WWF dies als Chance, die Digitalisierung der Lehre auch nach der Krise weiter voranzutreiben?

Backes-Gellner: Ja, ganz klar. Einige der neuen digitalen Möglichkeiten in der Lehre werden wir sicherlich beibehalten und weiterentwickeln. Unsere Evaluationen aus den vergangenen Corona-Semestern haben gezeigt, dass der Einsatz digitalisierter Formate die Lehrqualität steigern und einen positiven Einfluss auf den Lernerfolg haben kann. In den nächsten Monaten werden wir verstärkt darüber diskutieren, welche Implikationen sich daraus für die mittel- bis längerfristige Lehrentwicklung ergeben können.- Mittelfristig wird die grosse Herausforderung sein, die Vorteile von Online-Lehre und digitalen Leistungsnachweisen mit den momentan fehlenden Vorzügen eines lebendigen universitären Präsenzbetriebs systematisch zu verbinden und möglichst grosse Synergien zu schaffen.

Die erzwungene Umstellung von analog auf digital hat also grundsätzliche Überlegungen angestossen, wie an der WWF zukünftig unterrichtet und geprüft werden soll?

Backes-Gellner: Ganz genau. Wir haben mehrere Fokusgruppen aufgebaut, die unter jeweils unterschiedlichen Gesichtspunkten die Vor- und Nachteile sowie die Chancen und Risiken von Online- und Präsenzlehre bzw. von einem gemischten Modell untersuchen. Fragen, die wir gegenwärtig diskutieren, lauten zum Beispiel: Welchen Stoff, welche Inhalte wollen wir – unter Berücksichtigung unserer heutigen digitalisierten Arbeitswelt, in der das Internet permanent verfügbar ist – künftig prüfen? Welches Wissen, welche quantitativen Informationen muss man überhaupt noch und in welcher Form im Kopf haben? Was muss man noch von Hand rechnen können – und was können Computer wesentlich effizienter erledigen? Und wenn auswendig gelerntes Wissen keine so grosse Rolle mehr spielt – was soll man stattdessen prüfen? Welche Art von Leistungsnachweisen machen künftig (noch) Sinn? Welche zunehmend wichtigeren Kompetenzen (z.B. Digital Skills, wissenschaftliches Schreiben, Vortragen) sollen Studierende an der Hochschule erwerben können? Und wie müssen Lehrveranstaltungen und Prüfungssituationen angepasst werden, damit sie den realen Lern- und späteren Berufsbedingungen besser entsprechen? Den Lösungsraum für all diese Fragen wollen wir gegenwärtig so weit wie möglich öffnen, um wirklich ergebnisoffen diskutieren zu können.