Lieblingsstücke

Seit 150 Jahren wird an der UZH zur Kunst und ihrer Geschichte geforscht. Anlässlich des Jubiläums stellen Professorinnen und Professoren des Kunsthistorischen Instituts Werke vor, die ihnen besonders wichtig sind.

Von Alice Werner

Mittelalterliches Kulturerbe

Kloster St. Johann in Müstair
Kloster St. Johann in Müstair
Das Kloster St. Johann in Müstair Bild: Carola Jäggi

 

«Mein Lieblingsobjekt ist das Kloster St. Johann in Müstair, Graubünden. Im sehr gut erhaltenen Benediktinerinnenkloster, das seit 1983 Weltkulturerbestätte der UNESCO ist, treffen sich meine beiden Forschungsschwerpunkte: die Architekturgeschichte des Mittelalters und die Mittelalterarchäologie. Diesbezüglich ist die üppig ausgestattete Anlage, die zwölf Jahrhunderte Klosterbau- und Kunstgeschichte dokumentiert, eine reichhaltige ‹Quelle›.

Das Kloster ist für mich aber nicht nur wissenschaftlich hochinteressant, es bedeutet mir auch persönlich viel: Der Ort begleitet mich seit den Anfängen meiner beruflichen Laufbahn. Schon als Studentin habe ich an Ausgrabungs- und Auswertungsprojekten in Müstair mitgewirkt. Neulich erst fielen mir meine Grabungstagebücher aus dieser Zeit wieder in die Hände – die Aufzeichnungen widerspiegeln auch die eigene Geschichte. Hinzu kommt, dass Müstair der langjährige Wirkungsort meines Vorvorgängers Hans Rudolf Sennhauser war, mit dem mein Lehrstuhl seinen Anfang genommen hatte. Als Nachfolgerin sehe ich mich durchaus in der Verpflichtung, seine Forschung weiterzuführen.

So habe ich in diesem Sommer eine Seminarwoche in Müstair angeboten – die Studierenden waren über diese Möglichkeit genauso begeistert wie ich! Unsere selbstauferlegte Aufgabe war, eine geeignete Auswertungsstrategie für die vielen vorliegenden Dokumente zu erarbeiten. Ausserdem sind wir zwei kleinen archäologischen Befunden exemplarisch nachgegangen: einem Werkstattkontext, der die Herstellung karolingischer Bronzeobjekte im Kloster dokumentiert, und mehreren Mörtelscheiben aus dem 10. Jahrhundert. Wie gelebtes Leben in architektonischen Strukturen zum Ausdruck kommt, ist jedes Mal aufs Neue faszinierend.»

 

Carola Jäggi, Professorin für Kunstgeschichte des Mittelalters und der Archäologie der frühchristlichen, hoch- und spätmittelalterlichen Zeit