Fahne

Schneidig im Wind

Im Sommersemester 1891 ist die Universität Zürich bereits eine etablierte Lehranstalt mit verschiedenen Instituten und Kliniken und einem umfangreichen Vorlesungsverzeichnis. Die rund 500 Studierenden können aus 231 verschiedenen Veranstaltungen auswählen, etwa an einem philosophisch-pädagogischen «Kränzchen» teilnehmen oder ein Seminar «für Vorgerücktere» zur «Lektüre syrischer Schriftsteller» besuchen. Mutige schreiben sich beim berühmten Psychiater und Hirnforscher Auguste Forel für einen Praxiskurs zu «Hypnotismus und suggestiver Therapie» ein. Doch so gefestigt, kultiviert und fortschrittlich sich die Universität präsentiert, so ungeordnet treten die Studierenden auf. Aus diesem Grund bittet der «Vorstand der Delegirtenversammlung einer Anzahl Korporationen der Studirenden an der Hochschule» den Erziehungsrat am 22. Juni 1891 um finanzielle Unterstützung bei der Anschaffung einer Hochschulfahne: «Es bestände die Hoffnung, dass gerade eine solche Fahne mehr Einheit in die Studentenschaft brächte.» Zum Wunsch nach einer «Stärkung des Gefühls der Zugehörigkeit » kommt ein aktueller Anlass: der 600-Jahr-Gedenktag des ersten Bundes. Auch deswegen, so heisst es im Antrag weiter, sei die Anschaffung einer Fahne «dringend wünschenswert», um die «Zürcher Studentenschaft schneidig zu vertreten und nicht hinter anderen Academiis zurückzustehen». Nach einigem Hin und Her ist die erforderliche Summe aufgebracht, und Johann Rudolf Rahn, Universitätsprofessor und Vater der schweizerischen Kunstgeschichte, sowie sein Schüler und späterer Nachfolger Joseph Zemp können sich ans Werk machen. Sie entwerfen eine Universitätsfahne im Stil eines historischen Zürich-Banners, zweifarbig geteilt in blau-weiss mit rotem Schwenkel und, im Eckquartier, der vor allem in der Limmatstadt beliebten Darstellung des thronenden Kaisers Karl des Grossen mit Schwert auf den Knien. Die Näharbeit wird pünktlich fertig, sodass die sechs vom Bundesrat geladenen Zürcher Studenten als Vertreter ihrer Kommilitonen fahneschwenkend nach Schwyz zur Bundesfeier ziehen können.

Die Fahne ist im Hauptgebäude der UZH im Gang neben Raum G-217 ausgestellt.

Alice Werner