Michael Zemp

Forschung auf dünnem Eis

Michael Zemp sieht die Gletscher schmelzen. Er hält eine Reduktion von Flugreisen im Wissenschaftsbetrieb für unverzichtbar.

Von Alice Werner

Das ewige Eis schmilzt. Weltweit verlieren die Gletscher derzeit rund vier Mal so viel Eis wie in den 1980er-Jahren. «Unser Forschungsobjekt schmilzt uns buchstäblich unter den Füssen weg», sagt Michael Zemp. Der Glaziologe des Geographischen Instituts der UZH arbeitet täglich mit den erschreckenden Messzahlen des Klimawandels, dennoch trifft es ihn, wenn er neue Satellitenaufnahmen aus Grönland, dem Kaukasus oder den europäischen Alpen sieht. «Ich werde wirklich emotional, wenn ich sehe, dass sich zum Beispiel der italienische Caresèr bald ganz auflösen wird.» Vom einst imposanten Alpengletscher sind nur noch einzelne Eisflecken übrig.

Akademiker fliegen besonders häufig

Schuld am Klimawandel und am grossen Gletschersterben ist unter anderem der in den letzten Jahrzehnten explosiv gewachsene (und häufig gedankenlos genutzte) Flugverkehr. Dabei ist der CO₂-Fussabdruck der Wissenschaft im Vergleich mit anderen Berufssparten besonders gross. Laut Studien fliegen Akademiker 72 Prozent häufiger als Nichtakademiker. Internationaler Austausch und persönliche Kontakte mit Kolleginnen und Kollegen sind für eine Karriere in der Forschung wichtig. Gerade Nachwuchsforschende sollten an renommierten Hochschulen und für ihr Fach relevanten Tagungen Vorträge halten können.

2300 Kilogramm CO₂ – das ist laut der Website Atmosfair das klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen. 3250 Kilogramm – das ist der CO₂-Fussabdruck, den Forschende der UZH hinterlassen, wenn sie nach Harvard und wieder zurück fliegen. Michael Zemp drückt es noch drastischer aus: «Ein solcher Langstreckenflug kostet uns rund 50 Tonnen Gletschereis pro Passagier.» Der Glaziologe hat schon vor Jahren mit der Vielfliegerei zu internationalen Kongressen Schluss gemacht. «Ein enormer Zeitaufwand und eine vermeidbare Umweltbelastung», urteilt der Professor.

Regionale statt globale Meetings

Zemp hat bereits einige Erfahrung gesammelt, wie man im Wissenschaftsbetrieb Flugreisen reduziert. Etwa als Direktor des World Glacier Monitoring Service, eines global agierenden Beobachtungsdienstes, der Messdaten über die Verbreitung und die laufenden Veränderungen von Gletschern sammelt und auswertet. Die letzte Generalversammlung der beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Ende 2019 hat der Zürcher Forscher in drei regionalen Meetings – in Europa, in Asien und in Südamerika – durchgeführt. «Bislang haben wir alle nationalen Korrespondenten zu einem zentralen Treffen in die Schweiz geholt. Durch die Aufteilung auf drei Standorte hatten diesmal alle Konferenzteilnehmenden eine deutlich kürzere und damit emissionsärmere Anreise.» Michael Zemp hat ausgerechnet, dass dank dieser Massnahme nur halb so viel CO₂ angefallen ist wie bei einer Generalversammlung in Zürich.

Und es gab noch einen weiteren positiven Effekt: «Wir konnten uns in kleineren Teams viel intensiver mit spezifischen regionalen Themen beschäftigen. Das war wesentlich effizienter.» Aufgefallen ist ausserdem, dass sich Korrespondenten aus Südamerika besser mit ihren Bedürfnissen einbringen konnten – sei es, weil bei dem in Spanisch durchgeführten Regionalmeeting die Sprachbarriere wegfiel oder das häufig dominante Auftreten europäischer Wissenschaftler kaum Einfluss hatte. Der Austausch der drei Gruppen fand – mit überschaubarem organisatorischem und technischem Aufwand – virtuell über Videobotschaften statt. «Das hat reibungslos funktioniert», resümiert Zemp.

Für den Schweizer Bergfex steht schon länger fest, dass sich die Wissenschaftskultur dauerhaft ändern muss, gerade was das individuelle Flugverhalten anbelangt. Am Geographischen Institut erhebt eine Arbeitsgruppe um Michael Zemp die Flugmeilen der Mitarbeitenden. Bis 2025 will das Institut seine Flugkilometer um 25 Prozent reduzieren. Als Referenzwert gilt der Durchschnittswert der Flugkilometer der Jahre 2017–2019. «Es muss nicht immer jeder überall vor Ort sein», erläutert Zemp. «Wir diskutieren in der Forschungsgruppe ausführlich, für wen eine persönliche Anwesenheit bei einer internationalen Konferenz den grössten Nutzen hat. Solche Gespräche stärken – positiver Nebeneffekt – den Teamgeist und die Arbeitskultur. Indem ich mich beispielsweise selbst auf einen Interkontinentalflug pro Jahr beschränke, übertrage ich entsprechend Verantwortung an einen Mitarbeitenden. Ich gewinne damit Zeit für andere Aufgaben und der oder die Nachwuchsforschende bekommt die Chance, sich einem breiteren Kollegium zu präsentieren.»

Dass das Nachhaltigkeitsteam der UZH Handlungsempfehlungen zu Mobilität und Dienstreisen herausgegeben hat (siehe UZH Journal 1/2020), begrüsst Zemp sehr: «Um gesellschaftlich glaubwürdig zu sein, muss die Universität in puncto Nachhaltigkeit mit gutem Beispiel vorangehen.» Während der Corona-Krise haben viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemerkt, dass virtuelle Meetings ebenso gut, wenn nicht sogar produktiver sein können – und nichts kosten. Michael Zemp hofft auf ein grundlegendes Umdenken, «indem wir realisieren, was ohne reisen möglich ist». Klimareduktion ist eben nicht nur ein Verzicht.