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UZH Journal

Vielfalt leben

Die Studienreform an der Philosophischen Fakultät trägt Früchte. Ab Herbstsemester 2019 stehen über hundert attraktive Masterprogramme zur Wahl, viele davon sind neu.

Von David Werner

Die Philosophische Fakultät der UZH ist gross: Zwei Fünftel aller UZH-Studierenden sind hier eingeschrieben. Die Philosophische Fakultät ist komplex: Keine andere Fakultät zählt mehr Studienprogramme – und die Kombinationsmöglichkeiten sind schier unüberschaubar. Entsprechend aufwändig war bisher die Verwaltung des Studienbetriebs.

Vor allem aber ist die Philosophische Fakultät unvergleichlich vielfältig. Das Spektrum der Disziplinen reicht von der Prähistorischen Archäologie bis zur Computerlinguistik, von der Musik- bis zur Politikwissenschaft, von der Indologie bis zur Berufspädagogik. Diese Vielfalt fasziniert nicht nur, sie ist ein entscheidender Qualitätsfaktor der Geistes- und Sozialwissenschaften. «Will man die Gesellschaft in ihrer Komplexität, die Menschen in ihrer geschichtlichen Prägung, die Kulturen in ihren wechselseitigen Beziehungen, die Kommunikationsformen in ihrem Wandel wissenschaftlich beobachten, reflektieren und verstehen, kommt es entscheidend auf die Diversität der Gesichtspunkte an», sagt der Literaturwissenschaftler Daniel Müller Nielaba. Und er fügt an: «Die Geistes- und Sozialwissenschaften verdanken ihre Produktivität dem Reichtum an unterschiedlichen Perspektiven, Denkarten und Methoden.»

Welche Stossrichtung verfolgt die Studienreform? Studiendekan Daniel Müller Nielaba gibt Auskunft.

Wegmarke erreicht

Einen Weg zu finden, wie diese Vielfalt in Zukunft gelebt und in der Lehre fruchtbar gemacht werden kann, war und ist für Müller Nielaba die zentrale Herausforderung der Studienreform an der Philosophischen Fakultät. Als Studiendekan trieb er in den letzten drei Jahren die Umsetzung des Reformprojekts Bologna 2020 voran. Nachdem ab 2017 die neue Studienarchitektur an der Philosophischen Fakultät auf Bachelor-Ebene eingeführt wurde, ist kommenden Herbst die Masterstufe an der Reihe. Damit ist eine entscheidende Wegmarke erreicht. Müller Nielaba erklärt stolz: «Unser neues Studienangebot bildet das Spektrum der Disziplinen nicht einfach nur ab, sondern es ermöglicht den Studierenden auch, einen möglichst grossen Nutzen aus dieser Vielfalt zu ziehen.»

Spezialisiert und generalistisch zugleich

Die Aufgabe, das Studienangebot auf Masterstufe zu erneuern, habe in mancherlei Hinsicht der Quadratur eines Kreises geglichen, sagt Müller Nielaba rückblickend. «Unser erklärtes Ziel war es, Studierenden auf Masterstufe die Möglichkeit zu geben, eigene Vorlieben zu entwickeln und sich in Spezialgebiete einzuarbeiten. Zugleich sollten sie aber auch Optionen haben, sich einen fundierten Überblick über ihr Fach zu verschaffen. Die Studienprogramme sollten genügend Spielräume für individuelle Entdeckungen bieten, zugleich aber den Weg zum Abschluss so klar ausflaggen, dass sich die Studierenden nicht im Dickicht der Möglichkeiten verirren». Kurzum: Es galt, mit der neuen Studienarchitektur der faszinierenden Möglichkeitsfülle der Philosophischen Fakultät Rechnung zu tragen und zugleich für überschaubare Verhältnisse zu sorgen. Dieses Ziel zu erreichen, verlangte von allen Beteiligten ein grosses Engagement.

Die Chance genutzt

Für die Philosophische Fakultät mit ihren zahlreichen Instituten und Wissensgebieten sind Reformen des Studienangebots immer besonders anspruchsvoll. Die Bologna- Reform wurde als schmerzhafter Einschnitt ins Selbstverständnis der Sozialwissenschaften und mehr noch der Geisteswissenschaften empfunden. Der erste Reformanlauf nach der Jahrtausendwende verlief denn auch eher unbefriedigend. Im Bestreben, Bewährtes aus dem alten System ins neue System hinüberzuretten, handelte sich die Fakultät ein Regulierungsgeflecht ein, das sich in der Praxis als wenig zielführend erwies. Zu viele Prüfungen, zu kleine Module, zu viele Zulassungsschranken und Sonderbestimmungen erschwerten das Studium und verursachten einen unverhältnismässig grossen administrativen Aufwand.

2016 beschloss der Universitätsrat eine gesamtuniversitäre Muster-Rahmenverordnung, um die Studienstrukturen an den sieben Fakultäten einander anzupassen und so für mehr Durchlässigkeit zwischen den Studiengängen der verschiedenen Fakultäten zu sorgen. Dadurch war eine erneute Revision der Studienstruktur an der Philosophischen Fakultät unabwendbar geworden. Diesmal wollte es die Fakultät aber nicht bei einer oberflächlichen Pflichtübung bewenden lassen, sondern die Chance nutzen, das Bestehende von Grund auf zu prüfen und, wo nötig, zu verbessern.

Worin besteht der Nutzen der Studienreform für die Studierenden?

Kein Abschluss ohne Anschluss

Ein grosses Anliegen war dabei die Kombinierbarkeit der Studienprogramme mit Blick sowohl auf Vollzeit- wie auch auf Teilzeitstudium. Die im Reformprozess erzielten Verbesserungen in diesem Punkt sind augenfällig: «Es gibt keine Abschlüsse mehr auf Bachelorstufe ohne Anschluss auf Masterstufe», sagt Müller Nielaba. Spezialauflagen beim Übertritt vom Bachelor zum Master wurden abgebaut, die interessengeleitete Studienwahl im Übergang vom Bachelor zum Master erleichtert. Ein grosser Fortschritt ist zudem, dass die vormals kleinteiligen, überreglementierten Studienprogramme mit ihren eng getakteten Prüfungsterminen nun grosszügiger strukturiert werden. Die neuen respektive überarbeiteten Programme setzen sich aus weniger, dafür grösseren Modulen zusammen. Das eröffnet den Studierenden mehr Gestaltungsfreiräume und fördert das nachhaltige, vertiefte Lernen.

Mehr Zusammenarbeit, weniger Regulierung

Voraussetzung für diese deutliche Attraktivitätssteigerung der Programme war eine grundsätzliche Neuorientierung der Fakultät im Hinblick auf die Konzeption der Studienprogramme und Module. «Die neue Studienarchitektur kommt mit einer geringeren Reglementierungsdichte aus als die alte, sie setzt dafür mehr auf die Kooperation der Dozierenden», erklärt Müller Nielaba. Dozierende müssen bei der Unterrichtsplanung intensiver als zuvor zusammenarbeiten, denn an grossen Modulen sind meist mehrere Dozierende beteiligt, die manchmal auch unterschiedlichen Instituten oder gar Fakultäten angehören. Dabei stehen bei der Planung nicht mehr die Prämissen und Spezialitäten der einzelnen Lehrstühle im Fokus, sondern die Kenntnisse und Fähigkeiten, welche die Studierenden in einem Modul beziehungsweise am Ende des Studiums erworben haben sollen.

Für viele Institute an der Philosophischen Fakultät bedeutet die Umsetzung der Reformziele einen tiefgreifenden Kulturwandel. Das althergebrachte Lehrstuhlprinzip entwickelt sich in Richtung eines kooperativeren Modells. Monika Dommann, Professorin für Geschichte der Neuzeit am Historischen Seminar, erzählt von vielen intensiven Diskussionen, die nötig gewesen seien, um zu einem gemeinsamen Verständnis davon zu kommen, wie die Studienprogramme und Module zukünftig gestaltet werden sollen. «Diese Reform aktiv zu gestalten, verlangte von allen Mitarbeitenden des Historischen Seminars einen grossen Effort», sagt sie und fügt an: «Wir stiessen mit unserer Manpower an die Grenzen der Kapazitäten angesichts dieses grossangelegten Reformprozesses mit seiner hochtechnischen Sprache und seinen minutiösen Vorgaben.»

Im Nachhinein aber zählt das Ergebnis. Und das sei die Anstrengung allemal wert, findet Monika Dommann. Sie ist überzeugt, dass nicht nur die Studierenden vom erneuerten Studienangebot profitieren werden, sondern auch die Dozierenden. «Das intensive Teamwork verschiedener Lehrstühle bei der Planung und Durchführung von Studienprogrammen und Modulen ist eine Bereicherung für alle, die an der Lehre beteiligt sind», sagt sie. «Die Vielfalt der Universität wird auf diese Weise wirklich gelebt.»  

Die Philosophische Fakultät lanciert mehrere neue, innovative Masterstudienprogramme. (Videos: Frank Brüderli, David Werner)

Studienreform an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät

Auch die Rechtswissenschaftliche Fakultät (RWF) ist dabei, ihre Studiengänge auf das Herbstsemester 2021 umfassend zu reformieren. Das Projekt «Bologna 2021» betrifft sämtliche Studienprogramme der RWF und ist entsprechend komplex und umfangreich. Die Fakultät strebt damit eine umfassende Qualitätssteigerung an. Sie hat im Februar 2018 als Auftakt eine Gesprächsrunde mit hochrangigen Vertreterinnen und Vertretern aus der Praxis durchgeführt, in welcher Stärken und Schwächen von Studienabgängerinnen und -abgängern eruiert wurden. In der Folge hat sie ein internes Leitbild für das Studium erarbeitet, welches eine stärkere Förderung der grundlegenden Kompetenzen vorsieht und den Rahmen für die Studienreform bildet. Im Oktober 2018 hat die Fakultät ein Grobkonzept der (bis heute noch nie reformierten) Masterstufe verabschiedet. Dieses sieht neu Pflichtmodule in den praxisrelevanten Kerngebieten im Umfang von einem Drittel des Masterstudiengangs vor. Derzeit arbeitet die RWF am Detailkonzept für den gesamten Studiengang. Die Reformarbeiten werden von der Fachstelle für Hochschuldidaktik eng begleitet.
Alain Griffel, Studiendekan der RWF

Weiterführende Informationen

Im Bild

Daniel Müller Nielaba, Studiendekan der Philosophischen Fakultät
Bild: Frank Brüderli

Sechs Beispiele

Unter den insgesamt über 100 Studienprogrammen der Philosophischen Fakultät sind einige komplett neu. Als Beispiele stellen wir hier sechs davon vor:

Stones-Zunge (Grafik)

«Linguistics»

Grossstadt mit Netzwerklinien

«Internet & Society»

Bücher-Stapel

«Deutsche Literatur: Theorie – Analyse – Vermittlung»

Visualisierung Big Data

«Methods – Data – Society»

Ausgrabungen

«Interdisziplinäre Archäologische Wissenschaften»

Sozialistischer Bruderkuss

«History of the Contemporary World / Zeitgeschichte»