Studierendenkongress

Eine neue Erfahrung

Studierende aus der ganzen Schweiz haben am ersten interdisziplinären Studierendenkongress auf dem Campus Irchel Ihre Arbeiten präsentiert. Einblick in ein geglücktes Experiment, das viel Potenzial für die Zukunft bringt.

Von Nathalie Huber

Ein Novum: Der Verband der Studierenden der Universität Zürich hat im April den ersten interdisziplinären Studierendenkongress in der Schweiz initiiert. 43 Studierende nutzten die Bühne am Campus Irchel, um ihre wissenschaftlichen Arbeiten anderen Studentinnen und Studenten sowie der Öffentlichkeit zu präsentieren. Von Physik und Ökonomie über Soziologie bis hin zu Design Management – zu rund 30 Fachgebieten konnten Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der ganzen Schweiz Vorlesungen im Hörsaal oder Poster- und Projektpräsentationen besuchen. Ziel des Kongresses war es, den interdisziplinären Austausch zwischen den Studierenden zu fördern und einem breiten Publikum zu zeigen, welchen Beitrag Studierende zur Forschung leisten.

Spezieller Rahmen

Gewöhnlich treffen an einem wissenschaftlichen Kongress Forscherinnen und Forscher derselben Fachrichtung aufeinander – um sich über ähnliche Fragen auszutauschen und um sich in ihrem Fachbereich zu vernetzen. Der Studierendenkongress war Hingegen interdisziplinär angelegt und stand allen Interessierten offen. Die Referentinnen und Referenten stellten sich folglich der Herausforderung, ihre wissenschaftliche Arbeit einem Publikum ohne Vorwissen vorzustellen – Studierenden anderer Fächer oder Laien.

Eine anspruchsvolle Ausgangssituation. Wie gingen sie dieses Experiment an und welchen Nutzen zogen sie daraus? Die Autorin hat sich unter das Publikum gemischt und drei Studierende der Universität Zürich im Anschluss an Ihre Präsentation befragt.

Alexander Schanné teilte den Hörerinnen und Hörern gleich zu Beginn seiner Präsentation mit, dass er sie auf den gleichen Wissensstand bringen wolle. Der Biologie- und Bioinformatikstudent erklärte deshalb zuerst wichtige Grundlagen seiner Forschung, etwa die Frage, wie Bestäubung und Befruchtung bei Pflanzen funktionieren und wie man ein naturwissenschaftliches Experiment aufsetzt. Darauf aufbauend stellte er die wesentlichen Schritte seiner Bachelorarbeit vor. Darin geht er der Frage nach, ob ein neu entdecktes Gen bei der Befruchtung von nah verwandten Pflanzen eine Rolle spielt. Anhand von Grafiken erläuterte er anschaulich, dass seine Forschung zwar kein eindeutiges Resultat hervorgebracht habe, aber interessante neue Einblicke. Mit sichtlichem Vergnügen und in eloquentem Englisch gelang es dem Studenten, innerhalb von 20 Minuten den Aufbau einer naturwissenschaftlichen Arbeit und seine Forschungsergebnisse auch für Laien verständlich zu erklären.

Aufwendige Vorbereitung

«Ich habe mir sehr viel Zeit für die Vorbereitung genommen und mir gut überlegt, welche Punkte man als  Wissenschaftsfremde Person allenfalls nicht verstehen könnte», begründete Alexander Schanné das positive Ergebnis. Bei der Vorbereitung auf den Vortrag habe er gelernt, dass er sein Projekt noch besser erklären könne. Resultate in Vorträgen verständlich auszuführen, das müsse man als Wissenschaftler beherrschen.«Die Präsentation war eine gute Übung für mich», bilanzierte Schanné.

Routiniert trat Stefan Abt auf. Anhand weniger Powerpoint-Slides stellte der Soziologiestudent sein Thema vor: die Diskriminierung von homosexuellen Paaren in der Schweiz in Bezug auf Partnerschaft und Familie. Er erklärte, dass die soziale Elternschaft im Vergleich zur biologischen als nicht gleichwertig betrachtet werde. Zuerst zeigte er die rechtliche Situation in der Schweiz auf; in einem zweiten Schritt veranschaulichte er exemplarisch, wie ein lesbisches Paar wiederholt benachteiligt wurde – etwa bei der Adoptionder Stiefkinder. Seine qualitativ sozialwissenschaftliche Methode umriss er knapp: Anhand von narrativen Interviews erfasste er die Situation von vier gleichgeschlechtlichen Paaren. «Der vorgegebene Zeitrahmen von 30 Minuten war etwas eng, um eine ideale Balance zu finden zwischen der Vermittlung meines soziologischen Zugangs und der Konklusion aus meinen Interviews», bilanzierte Stefan Abt. Die soziologische Theorie habe er aus Rücksicht auf das fachfremde Publikum ausgelassen. «Mit meinem Vortrag wollte ich ein Bewusstsein für die Diskriminierung von LGTBIQ-Elternpaaren schaffen und bei anderen Studierenden Interesse wecken, das Thema weiter zu erforschen», sagte er. Positiv fand er, dass der Studierendenkongress die Präsentation von Arbeiten erlaubte, die normalerweise – abgesehen von der Betreuungsperson – von niemandem zur Kenntnis genommen werde.

Raffaela Christina de Vries hielt ihren Vortrag so, wie man es von einem wissenschaftlichen Seminar her kennt. Sie stellte ihre Bachelorarbeit analog dem Aufbau ihrer Arbeit vor und griff viele Originalzitate aus der verwendeten Fozrschungsliteratur auf. Ihr Forschungsobjekt: Ernst Meumanns experimentelle Pädagogik. Die Studentin der Erziehungswissenschaften mass dessen Forderungen gegenüber einer neuen, empirisch fundierten Pädagogik an seinen eigenen Publikationen. Strukturiert und anhand eingängiger Beispiele begründete die Bachelorstudentin das Fazit ihrer Arbeit: Meumann sei als Forscher seinen eigenen Massstäben nicht gerecht geworden.

Gute Übung

Die Vorbereitung auf die Präsentation sei ihr nicht leichtgefallen. «Für mich war alles in meiner Arbeit wichtig, aber ich musste sie ja Personen erklären, die nicht Erziehungswissenschaft studiert haben», erklärte Raffaela Christina de Vries. Sie habe deshalb ein Skript geschrieben, das die Bachelorarbeit um die Hälfte abkürzte. Ihre Teilnahme am Kongress bewertete sie positiv: «Für mich war es gut herauszufinden, wie es ist, vor einem heterogenen Publikum zu sprechen.» Es sei eine gute Übung gewesen, zu sehen, wie sie mit einer solchen Situation und insbesondere mit der Nervosität umgehen könne. Ihre Erfahrung am Studierendenkongress sei hilfreich für ihre Teilnahme an einem internationalen Kongress der Erziehungswissenschaften im Herbst.

Mehr Vernetzung gewünscht

Die drei Studierenden hätten sich etwas mehr Publikum bei ihren Vorträgen und eine intensivere Auseinandersetzung mit ihren präsentierten Themen erhofft. Denn aufgrund des eng getakteten Ablaufs war eine vertiefte Diskussion mit dem Publikum nicht möglich. Auch der interdisziplinäre Austausch kam etwas zu kurz. Die Posterpräsentationen ermöglichten laut Raffaelade Vries einen Einblick in andere spannende Forschungsprojekte. Allerdings hätte sie sich mehr Gelegenheiten zur Vernetzung gewünscht. «Vielleicht braucht es eine gewisse Anlaufzeit, um herauszufinden, in welchem Rahmen sich die Studierenden effektiv vernetzen können», sagte Alexander Schanné. Insgesamt waren sich die drei Studierenden einig: Der Studierendenkongress war ein gelungenes Pilotprojekt – wenn auch mit Optimierungspotenzial.

Erster Studierenderkongress

Der erste Studierendenkongress der Schweizhat am 12. und 13. April 2019 auf dem Campus Irchel der Universität Zürich stattgefunden. Der Verband der Studierenden der Universität Zürich initiierte das Pilotprojekt, unterstützt durch die Universitäten Zürich und Basel sowie Studierendenorganisationen aus der ganzen Schweiz. Der Studierendenkongress stand Studentinnen und Studenten aller Universitäten und Fachhochschulen der Schweiz offen, ebenso einem an Forschung interessierten Publikum. 43 Studierende präsentierten ihre Seminar-, Bachelor- oder Masterarbeit – entweder als Vortrag oder in Form einer Poster- oder Projektpräsentation; Bedingung war, dass die Arbeiten im vergangenen Jahr von der entsprechenden Hochschule akzeptiert worden waren. Für die beste Präsentation geehrt wurde Constantin Kilcher von der University of Cambridge, für das beste Poster Antonia Velicu von der UZH (siehe Bild oben).