«Recht als Gesellschaftsspiel»

Neuberufene Professorinnen und Professoren stellen sich vor.

Interview: Alice Werner

Von der Geburt bis zum Tod: Walter Boente erzählt im Video, warum ihn das Familien- und Erbrecht besonders fasziniert. (Video: Frank Brüderli)

 

Sie sind auf Familien- und Erbrecht spezialisiert. Warum haben Sie keine Karriere als Fachanwalt angestrebt, sondern eine akademische Laufbahn gewählt?

Mein Interesse galt schon immer der (Rechts-)Theorie, vor allem dem Recht als Fachsprache: Mit der Rechtsordnung bestimmen wir die Spielregeln für unser Gesellschaftsspiel «Recht». Dieses Spiel soll möglichst gut funktionieren, mit etwas Glück sogar allen Spass machen, besser noch gerecht sein. Doch um die Spielanleitung für das Rechtsleben überhaupt schreiben zu können, müssen wir zunächst das Leben in seiner unendlichen Vielfalt begreifen und zu diesem Zweck in Begriffe fassen. Erst dann können wir mit diesen Begriffen die Rechtssätze für unsere Spielanleitung formen.

Theoretisch ist das bereits kompliziert, droht aber ohne das wahre Leben ein Glasperlenspiel zu bleiben. Das Familien- und Erbrecht holt mich in die Wirklichkeit zurück. Wer hier nicht dem Leben und Tod zuhört, sieht sein Scheitern unmittelbar.

 

Ein weiteres Spezialgebiet von Ihnen umfasst die Rechte für Menschen mit Behinderung. Wo steht die Schweiz diesbezüglich im internationalen Vergleich?

Massstab für die Schweiz sollte nicht ein internationaler Vergleich sein. Was bringt es, auf der Höhe der Entwicklung anderer Länder zu sein, oder auch nur besser als «gleich schlecht»? Massstab muss hier der Mensch sein, und da ist die Schweiz weit davon entfernt, ihren eigenen Massstäben zu genügen.

Uns allen erscheint die Rechtsordnung häufig als Gummiwand, gegen die wir vergeblich anrennen. Man sollte hier nicht zu früh verzweifeln. Häufig ist es die Rechtsordnung selbst, die etwas nicht richtig begriffen hat. Menschen mit Behinderungen, alte Menschen eingeschlossen, erfahren dieses Ausgeliefertsein, diese Herrschaft der Logik in ganz besonderem Masse, zumal sich hier die Rechtsordnung auch in anderen, lebensnotwendigen Systemen fortsetzt, etwa dem Gesundheitssystem, ganz besonders auch dem Heim- und Pflegewesen. Wir müssen daher aufpassen, diese Systeme heute noch als selbst gemachte wahrzunehmen und uns von ihnen nicht zu sehr zwingen lassen. Menschen mit Behinderungen selbst, aber auch viele Fachpersonen in sozialer Arbeit und Pflege, verfügen über ein unglaubliches Wissen über das «bessere Leben» – in der Gemeinschaft. Im heutigen System aber ist dieses Wissen oft nicht denkbar und damit letztlich auch nichts wert. Den Preis hierfür zahlen wir nun alle.

 

Wie unterrichtet man «die Juristerei», so dass sie anschaulich und lebensnah wird?

Ich verbringe einen Grossteil meiner Zeit damit, den Studierenden zunächst einmal diese Lebensnähe auszutreiben! Auch hier hilft die Vorstellung vom Gesellschaftsspiel. Zunächst muss man lernen, wie das Spiel überhaupt funktioniert. Ob das Spiel dann lebensnah, gar gerecht ist, und wie man das Spiel vielleicht sogar besser machen könnte, diese Fragen können nicht gleich zu Anfang der Ausbildung beantwortet werden.

Auch die «Juristerei» ist vor allem Handwerk. Und wie in jedem Handwerk steht nicht gleich am Anfang das Meisterstück. Ein Schreiner wird seine Ausbildung nicht mit einem prächtig verzierten Schrank beginnen, sondern erst einmal an Werkstücken den Umgang mit Säge und Hobel lernen. Das macht nicht immer gleich viel Freude. In der «Juristerei» ist es kaum anders. Handwerkzeug sind hier die Rechtsbegriffe und Rechtssätze. Diese müssen wir wie Zahnräder eines Uhrwerks ineinander setzen können – und am Ende sollte dann auch noch die richtige Uhrzeit angezeigt werden, wenn möglich über Jahre hinweg. All dies üben wir an «praktischen» Rechtsfällen, aber das wahre Leben, die Praxis, bekommen wir erst mit der Zeit in den Griff.