Ulrike Zeuch: Kulturwissenschaft

Für Ulrike Zeuch ist Alexander von Humboldt kein Held, aber ein historisches Vorbild, ein geistiger Vater, ein Role Model, an dessen klarer Haltung und aufrechter Gesinnung «wir uns heutzutage noch orientieren können». Zeuch bewundert vor allem, wie skrupulös und vorurteilsfrei er sich anderen Kulturen, Sitten, Umgangsformen, überhaupt allem Fremden, nähern konnte. «Trotz seines Status hatte er keinerlei Berührungsängste, er liess sich von Unbekanntem bereichern und belehren. Seine Wissbegier, sein Forschertrieb, sein Lerneifer waren immens. Gleichzeitig reflektierte er seine eigene Rolle als Beobachter, blieb differenziert in seinem Urteil, sparte Irritationen nicht aus und sprach Befremdliches an – allerdings auf einer grundsoliden Basis zutiefst empfundener Menschenfreundlichkeit.» Zeuch, die unter anderem zu Kulturtransfer und interkultureller Hermeneutik forscht, hat anhand Humboldts Reiseberichten aus Brasilien seine kulturelle Übersetzungsleistung untersucht. «Es ist interessant zu sehen, wie sich sein Schreiben inhaltlich und formal verändert hat. Denn um die Realität der Tropen angemessen dokumentieren zu können, musste er in grösseren Zusammenhängen denken und verschiedene Wissensformen zusammenführen.» Interdisziplinarität, Innovativität und Internationalität: In Humboldts Denken war bereits angelegt, was unser Verständnis von einer modernen Universitäts-und Forschungskultur prägt. Auch für Ulrike Zeuch ist die Beschäftigung mit Humboldt, seinen Schriften und Forschungsleistungen nicht folgenlos geblieben: «Humboldt hat mich gedanklich beweglich gemacht.» Sein «Alles hängt mit allem zusammen» ist auch ihr Wissenschaftscredo geworden.

Alice Werner