narwalzahn

Einhorn der Meere

Meggie, das Riesenfaultier, ist in die ewigen Jagdgründe eingegangen. Demnächst wird ein nicht minder sensationelles Ex-ponat den Eingang des Zoologischen Museums zieren. Es ist der Zahn eines Narwals – und eins der ältesten Ausstellungsstücke der naturhistorischen Sammlung: 2,20 Meter lang und 6 Kilogramm schwer. 1675 hatte der Zürcher Stadtarzt Johannes von Muralt das seltene Stück in der Kunstkammer der Zürcher Wasserkirche ausgestellt, wo es bis 1780 hing. Die Zürcher staunten über den riesigen Stosszahn, den sie für das Horn eines Einhorns hielten. Es war eine Kuriosität, aber für die Menschen der Beweis, dass das legendäre Fabeltier lebt.
Die Wikinger hatten die Narwalzähne von ihren Beutezügen mit nach Europa gebracht. Im 16. Jahrhundert wurden die bis zu drei Meter langen Hörner zu Höchstpreisen verkauft: Ihr Gewicht wurde in Gold aufgewogen. Fürste, Könige und alle, die es sich leisten konnten, tranken ihren Wein aus Einhorngefässen und hofften im Rausch darauf, dass die Reinheit des Fabelwesens sie durchdringe. Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts kamen Zweifel auf, ob es wirklich Einhörner gebe.
Später rätselten Zoologen über die Funktion des zum Horn gewordenen Zahns. Und mittlerweile weiss man, dass die Narwale (Monodon monoceros)  mit dem Zahn ein Sinnesorgan besitzen, das von zehn Millionen Nerven durchzogen ist. Damit können sie den Salzgehalt und die Temperatur des arktischen Gewässers um sie herum messen – und wahrscheinlich auch dessen chemische Zusammensetzung. Die Wikinger waren es, die dem kuriosen Meeresbewohner seinen Namen gaben. Narh-Wal bedeutet altnorwegisch «Leiche». Wie kamen sie darauf? Die Nordmänner beobachteten die Tiere dabei, wie sie sich vor dem Abtauchen reglos an der Oberfläche treiben liessen, um ihr Blut und ihre Muskeln mit Sauerstoff zu füllen. Dieses Verhalten und die dunkle Färbung der Walhaut erinnerten die Wikinger an Wasserleichen. Marita Fuchs