Alexandra Trkola

Die Unermüdliche

Alexandra Trkola, Leiterin des Instituts für medizinische Virologie, macht sich als Forscherin und Kommunikatorin verdient.
 

Die gebürtige Wienerin begrüsst den Journalisten in ihrem geräumigen Büro auf dem Campus Irchel. Es ist Mitte Juli, die Fenster stehen zur Durchlüftung weit offen, und Alexandra Trkola setzt sich in gebührendem Abstand an den Tisch, um die vergangenen Monate Revue passieren zu lassen.

«Also jetzt bin i reif für den Urlaub», sagt sie mit einem ansteckenden Lachen und österreichischem Dialekt. Verrückt seien die vergangenen Wochen gewesen, zugleich hektisch und aufreibend, aber auch hochinteressant und erfüllend. Als Leiterin des Instituts für medizinische Virologie war die Forscherin zusammen mit ihren Mitarbeitenden verantwortlich für die Entwicklung von Infektions- und Antikörpertests gegen das neue Coronavirus. Gleichzeitig hat sie sich dank ihrer Medienauftritte in der breiten Bevölkerung einen Namen als kompetente Virologin gemacht und berät als Mitglied der Nationalen COVID-19 Science Task Force auch den Bund. Dabei sei sie eigentlich eher zufällig und aufgrund eines «absurden Schwenkers in der Biografie» in -dieses Fachgebiet gerutscht, wie sie selbstironisch bemerkt.

Am Anfang war das HI-Virus

1989 war’s, die 23-Jährige hatte eben das Diplom in Angewandter Mikrobiologie an der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien abgeschlossen. Da meinte ihr Doktorvater, sie solle sich um Antikörper gegen das Aids verursachende HI-Virus kümmern. Die Situation damals war der heutigen nicht unähnlich: Ein neues Virus bedrohte die Menschen und Wirkstoffe waren gesucht.

Modifizierte Antikörper gegen das Virus eröffneten einen Weg und waren dank neuer Technologien methodisch in Griffweite. «Also befasste ich mich mit Fragen der Virusvermehrung und Antikörperentwicklung, obwohl ich von diesen Themen wenig Ahnung hatte», sagt Alexandra Trkola. Sie erinnert sich, wie sie sich als Diplomingenieurin zur Virologin weiterbildete und die Arbeit mit gefährlichen Viren im Sicherheitslabor einübte. «Dort habe ich gelernt, selbstständig zu entscheiden und mich durchzusetzen», betont sie. Ihr Engagement wurde 1993 mit einer Doktorarbeit belohnt, die ausgezeichnet wurde. 

Rasch auf eigenen Füssen

So schlug sie eine Karriere als Forscherin ein, was ursprünglich nicht geplant war. Zwar zeigte Alexandra Trkola schon als Schülerin eine Vorliebe für Mathematik und naturwissenschaftliche Fächer, aber die Universität BOKU hatte sie mit Blick auf angewandte, technische Berufe in der Industrie ausgesucht. «Ich wollte möglichst rasch auf eigenen Füssen stehen und Geld verdienen, um meine Eltern nicht zu belasten.» Diese betrieben in Wien ein Sanitärgeschäft und kamen nur knapp über die Runden. Das Studium und die nachfolgenden Post-Docs konnte sie nur dank Stipendien des Staates absolvieren, dem sie noch heute dafür dankbar ist.

Die Unterstützung ermöglichte ihr 1994, die Forschung zu HIV am renommierten Aaron Diamond Aids Research Center in New York fortzusetzen. Es war die Zeit, als die Forschergemeinde unter grossem Konkurrenz- und Zeitdruck das Virus molekularbiologisch analysierte. «Ich habe Tag und Nacht gearbeitet», erinnert sich Trkola. Sie war einem Korezeptor auf der Spur, den das HI-Virus für den Zellbefall braucht. Im November 1996 konnte sie diesen Befund als Erstautorin im hoch angesehenen Wissenschaftsmagazin «Nature» publizieren.

Die wohl wichtigste Publikation aus ihrer Forschung ebnete ihre Karriere. Sie blieb zunächst in New York, zuletzt als Assistenzprofessorin an der Rockefeller-Universität, und wechselte von dort im Jahr 2000 als Oberassistentin ans Universitätsspital Zürich. 2004 erhielt sie für ihre HIV-Forschung einen der höchstdotierten Forschungspreise, den mit 600 000 Dollar ausgestatteten Elizabeth Glaser Scientist Award.

Kommunikative Seite

2008 wurde Trkola als Nachfolgerin von Karin Mölling zur Direktorin des Instituts für medizinische Virologie an der UZH berufen. Als Institutsleiterin musste sie schon bald wieder anpacken und den Umzug von der Gloriastrasse ins neue Labor auf dem Campus Irchel organisieren. Bei der Planung des neuen Instituts konnte sie auf die reiche Erfahrung im Aufbau von Laboratorien in Wien und New York zurückgreifen. Als Anfang Jahr die Corona-Krise ausbrach, war Alexandra Trkola dank ihres wissenschaftlichen Rucksacks sozusagen die Frau der Stunde. Unermüdlich erweiterte sie mit ihrem Team die Diagnostik und trug dazu bei, die Testzahlen so schnell wie möglich zu erhöhen. Nebenher half sie mit, die Bevölkerung in den Medien über das Virus aufzuklären, und ermöglichte dank ihres Kommunikationstalents vielen Menschen Einblick in die Pandemie.

Diese mediale Rolle habe sie nicht gesucht, aber sie gehöre zu ihrer Aufgabe als Forscherin dazu: «Ich denke, ich stehe als Wissenschaftlerin in der Pflicht, zu informieren.» Dass es zwischenzeitlich etwas weniger hektisch ist, dafür ist sie an diesem Julitag dankbar. Und wenn sie einen Wunsch frei hätte, würde sie am liebsten wieder einmal selbst am Labortisch stehen und pipettieren. Also forschen ohne Druck – wie zu Zeiten vor der Pandemie.

 

Stefan Stöcklin