«Mehr Gesundheitssoziologie betreiben»

Der Medizinhistoriker Flurin Condrau sieht die aktuelle Krise als Chance, die gesellschaftliche Rolle der Medizin zu überdenken

Von: Alice Werner

Flurin Condrau steht auf einer Treppe

 

Flurin Condrau forscht am Institut für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte der UZH. Der 55-jährige Zürcher mit Bündner Wurzeln gehört zu den renommiertesten Medizinhistorikern im deutschsprachigen Raum. Theoretisch, sagt er im Online-Interview Mitte Dezember, hätte er auch Wirtschaftshistoriker werden können, vielleicht auch Soziologe oder Alpenhistoriker. «Es ist wirklich purer Zufall, dass ich in der Medizingeschichte gelandet bin.» 
Anfang der 1990er-Jahre, erzählt er weiter, kurz vor Abschluss seines Studiums der allgemeinen Geschichte, Soziologie und Volkswirtschaft an der UZH, habe ihn sein Professor gebeten, die Vorlesung eines deutschen Gastdozenten zu besuchen, die bei den Zürcher Studierenden auf peinlich wenig Interesse gestossen sei. Pflichtbewusst geht Flurin Condrau hin – und wird von den Fragen, die der Professor in seinem Vortrag aufwirft, «sofort in Bann gezogen». Auf welche Weise ist unser aktuelles Verständnis von Gesundheit und Krankheit entstanden? Was bedeutete es in früheren Zeiten, ein «gutes Leben» zu führen und einen «guten Tod» zu sterben? Wie wollen wir heute leben? Und welche Rolle spielen hierbei die Medizin, die Pharmaindustrie, die Gesundheitspolitik und das öffentliche Gesundheitssystem? 

Flair für Zahlen und Datenanalysen

Der junge Condrau ist von Beginn an fasziniert von der wissenschaftlichen Verbindung zweier völlig verschiedener Sphären: der Medizin und der Geschichte. Seine Lizenziatsarbeit schreibt er über die Bekämpfung der Cholera in Zürich, seine Doktorarbeit über die Sozialgeschichte der Tuberkulose in Deutschland und England. Was den Nachwuchswissenschaftler zudem reizt, ist die Tatsache, dass die Medizingeschichte für Historiker – zumindest an deutschsprachigen Hochschulen – fast völliges Neuland ist. «Bis in die 1980er-Jahre hinein war dieses Forschungsgebiet hierzulande für Mediziner reserviert.» Bald merkt er jedoch auch, was es heisst, in einem Fach mit «marginalem Status» zu arbeiten, um wissenschaftliche Akzeptanz, um institutionelle Integration und um Sichtbarkeit in der universitären Ausbildung zu ringen. «Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Für einige Stakeholder im (hochschul)politischen und medizinischen Umfeld sind wir immer noch die Pausenclowns, die bei Jubiläumsanlässen für Unterhaltung sorgen. Ansonsten rücken wir nur in Krisenzeiten ins Rampenlicht.» 
Flurin Condrau sagt dies kurz vor Weihnachten letzten Jahres, auf dem Höhepunkt der zweiten Corona-Welle. Er sagt dies nüchtern, ohne Verbitterung in der Stimme. «Es ist ja verständlich, dass die Menschen in dieser ausserordentlichen Lage Expertinnen und Experten brauchen, die Erklärungen geben und Zuversicht vermitteln können.» 
Das grosse (mediale) Interesse an seinem Fach und seiner Person hat er in den letzten Monaten gerne bedient; er hat begründet, warum sich das Coronavirus nur bedingt mit früheren Infektionskrankheiten wie der Pest, der Cholera oder der Spanischen Grippe vergleichen lässt (weil etwa zwischen den damals und jetzt betroffenen Gesellschaften bedeutende weltanschauliche Unterschiede herrschen); er hat betont, dass sich von Pandemien heimgesuchte Gesellschaften in der Vergangenheit wirtschaftlich erstaunlich schnell erholten (beispielsweise erreichte die Stadt Hamburg nach dem heftigen Choleraausbruch 1892 bereits ein Jahr später wieder Vorkrisenniveau); er hat davor gewarnt, in Krisenzeiten nach Schuldigen zu suchen (etwa Ausländer oder Partygänger zu Sündenböcken abzustempeln), und er hat begründet, warum die Schweiz den Stresstest der Pandemie eher schlecht besteht (u.a. habe der Föderalismus eine prognostische, proaktive Krisenplanung deutlich erschwert). 
Wenn Condrau in diesen Wochen Interviews gibt, versucht er – um beim selbstironischen Bild zu bleiben –, nicht nur den Pausenclown zu geben, sondern das ungewöhnlich grosse Interesse an seinem Forschungsgebiet auch produktiv für sein Fach zu nutzen. Indem er beispielsweise aufzeigt, wie die historische medizinische Forschung zu kritischem Nachdenken über grundsätzliche Fragen anregen kann, etwa zur Struktur und Zielsetzung aktueller medizinischer Tätigkeit, zum Zustand des öffentlichen Gesundheitswesens, zu Arbeitsbedingungen speziell von Frauen im pflegerischen Sektor oder zur Rolle der Patientinnen und Patienten in der Medizin. «Jetzt, in der Krise, ist ausserdem die richtige Zeit, um Probleme anzusprechen», ist Condrau überzeugt. «Covid-19 spitzt bestehende gesellschaftliche Fragestellungen zu und wirft neue auf.» Der Medizinhistoriker redet sich in Fahrt: Warum gibt es in der Schweiz keine breite Diskussion über gesundheitspolitische Fragen jenseits der Krankenkassentarife? Und warum wird hierzulande keine Gesundheitssoziologie betrieben? 
Als Vorbild diesbezüglich nennt er Grossbritannien. Der Historiker hat einige Jahre auf der Insel gearbeitet, zuerst in Sheffield, dann an der Universität von Manchester. «England ist ein wichtiges Zentrum der medizingeschichtlichen Forschung in Europa.» Dies im Hinterkopf, nennt Condrau zum Abschluss des Gesprächs noch zwei blinde Flecken innerhalb der Schweizer Medizingeschichte, die er gern aufgearbeitet sehen würde: die Rolle der medizintechnischen und pharmakologischen Industrie sowie eine «ernsthafte Krankenhausgeschichte, die diese wichtigen Institutionen als sozial-, wirtschafts- und gesundheitspolitische Orte versteht».