Brigitte Schubnell und Wilfried Lochbühler

«Bibliotheken sind begehrte Lernorte»

Bibliotheken sind bei den Studierenden trotz Digitalisierung stärker denn je gefragt, sagen Brigitte Schubnell und Wilfried Lochbühler von der Hauptbibliothek (HBZ). Ein Gespräch zum 40-Jahr-Jubiläum der Universitätsbibliothek..

Interview: Stefan Stöcklin

Frau Schubnell, Herr Lochbühler: Ihre Bibliothek wurde vor 40 Jahren gegründet. Wie hat sich die heutige Hauptbibliothek (HBZ) in dieser Zeit verändert?

Wilfried Lochbühler: Die Bibliothek hat sich seit der Gründung 1980 im Strickhofgebäude – damals unter dem Namen Hauptbibliothek Universität Zürich-Irchel– enorm verändert. Ich nenne das Stichwort Digitalisierung: Sie hat die Nutzung der Bibliotheken umgekrempelt. Wir haben die Jahre hindurch die technischen Entwicklungen sowohl begleitet als auch mitbestimmt und waren Schrittmacher bei der Implementierung der jeweils aktuellen Bibliotheksverwaltungssysteme. Was die Bestände betrifft, so haben wir im Verlaufe der Jahre nach und nach die Institutsbibliotheken im naturwissenschaftlichen Bereich integriert und sind heute die Fachbibliothek der Universität Zürich für Naturwissenschaften und Medizin. In jüngster Zeit hinzugekommen sind universitätsübergreifende Dienstleistungsangebote im Bereich E-Medien, Open Access und Data Services, Stichwort
Forschungsdatenmanagement.
Brigitte Schubnell: Wir sind im Verlaufe dieser Jahre zu einer Bibliothek mit drei Standorten gewachsen, die physischen Buch- und Zeitschriftenbestände liegen heute vorwiegend in elektronischer Form vor. Nebst technischen Veränderungen hat sich auch die Bedeutung der Bibliothek an sich geändert: Sie ist zu einem wichtigen Lernort geworden, den die Studierenden stärker als zuvor und gerne nutzen.
Lochbühler: Dieser Trend zum Lernort steht im krassen Gegensatz zur These der 1990er-Jahre, dass Bibliotheken wegen des Internets unnötig seien und verschwinden würden. Wir haben auf diese Entwicklung reagiert und die Zahl der Lernplätze ausgebaut. Allein die HBZ hat unterdessen knapp 1000 Leseplätze, die gut genutzt werden.

Eigentlich paradox – die Studierenden könnten Publikationen auch zuhause online lesen. Wieso sind Bibliotheken gefragt?

Schubnell: Das Bedürfnis nach gemeinsamen Lese- und Lerngelegenheiten hat mit der Bologna-Reform zu tun. Eine Folge der Reform waren straffere Studien mit vielen Prüfungen und Gruppenarbeiten, entsprechend stieg das Bedürfnis, zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen zu studieren, Gruppenarbeiten zu erledigen oder auch neue Lernformen auszuprobieren.
Lochbühler: Bibliotheken ermöglichen heute eine Form des Lernens, die wichtig geworden ist: ein ruhiger Leseplatz, die physische Nähe zu Nachschlage- und Grundlagenwerken und die Möglichkeit, sich in Gruppenräumen auszutauschen. Dazwischen erholt man sich in bibliothekseigenen Ruheräumen, die wir auch anbieten.

Die HBZ ist Fachbibliothek für Naturwissenschaften und Medizin. In diesen Disziplinen hat sich die Zahl der Publikationen in den letzten Jahren vervielfacht. Wie lässt sich das bewältigen?

Lochbühler: Weltweit wächst die Zahl wissenschaftlicher Publikationen jedes Jahr um drei bis fünf Prozent, mit besonders grossem Wachstum in Asien. Ein Gegentrend Richtung mehr Fokussierung ist nicht erkennbar. Für uns bedeutet das, dass wir nicht einfach alles anbieten können, sondern mit Hilfe der Fachpersonen in den Bibliotheken das Angebot auswählen. Wobei wir natürlich bestrebt sind, den Forschenden möglichst alle relevanten Zugänge zu gewährleisten.
Schubnell: Die Informationsflut bedeutet aber auch, dass für uns neue Aufgaben in der Vermittlung von Wissenskompetenz hinzugekommen sind. Wir bieten für das Curriculum entsprechende Module sowie Coffee Lectures an, um Studierende und Forschende im Umgang mit dem wachsenden Informationsangebot zu befähigen.

Wie wichtig sind Kooperationen mit anderen Bibliotheken?

Lochbühler: Wenn wir über Kooperationen sprechen, so gilt es zuerst die Zusammenarbeit mit der Zentralbibliothek
Zürich (ZB) zu nennen. Sie ist ein wichtiger Partner unserer Universität. Im Bereich der Sozial- und Geisteswissenschaften vervollständigt sie das Angebot unserer Bibliotheken ideal.
Schubnell: Im Bereich Technik und Naturwissenschaften pflegen wir Kooperationen mit der ETH-Bibliothek, die uns inhaltlich nahesteht. Als kantonale Institution haben wir allerdings einen anderen Träger als die ETH, was bedeutet, dass UZH-Angehörige die digitalen Angebote der ETH an der UZH nicht direkt im Volltext nutzen können.
Lochbühler: Darüber hinaus arbeitet die HBZ eng mit anderen Schweizer Hochschulbibliotheken zusammen. Beispiele sind die gemeinsame Lizenzierung über das Konsortium, die Zusammenarbeit im NEBIS-Verbund, die Kooperative Speicherbibliothek Schweiz oder gemeinsame Grossprojekte wie die Swiss Library Service Platform (SLSP).

Am Horizont erkennbar ist das Projekt Universitätsbibliothek Zürich (UBZH), geplant ist die Inbetriebnahme im Jahr 2022. Wie wird die UBZH die HBZ verändern?

Lochbühler: Sehr grundsätzlich: Die HBZ als Organisation wird mit der Gründung der Universitätsbibliothek Zürich (UBZH) verschwinden. In der neuen Bibliothek werden die HBZ und die knapp 40 Institutsbibliotheken zusammengelegt werden. Wir haben das Projekt der neuen Universitätsbibliothek immer befürwortet und sind im Hauptprojekt federführend dabei. Ich bin überzeugt, dass die HBZ sich mit ihrem übergreifenden Dienstleistungsangeboten gut in die neue Organisation integrieren wird.
Schubnell: Es wird sicher etliche organisatorische Veränderungen geben, obwohl die Bibliotheksstandorte der HBZ bestehen bleiben. Ich denke, es herrscht an der HBZ eine gute und offene Grundstimmung, auch wenn sich in zwei Jahren einiges ändern wird.

Dann markiert das Jubiläum in einem gewissen Sinn auch das Ende einer Ära?

Lochbühler: Wir haben intensiv über dieses 40-Jahr-Jubiläum diskutiert und uns selbstbewusst dafür entschieden, wobei wir im kleinen Rahmen feiern werden. Wir können auf eine spannende Vergangenheit zurückblicken und schauen erwartungsvoll in die Zukunft.

 

Wie die Bibliothek gewachsen ist

1980: Die Hauptbibliothek Universität Zürich-Irchel (HBI) wird im Strickhofgebäude auf dem Campus Irchel mit 6 Personen (5 Vollzeitstellen) eröffnet. Bestand HBI: 7 000 Bücher, 300 Zeitschriften.  
1983: Der erste öffentlich zugängliche Online-Katalog (OPAC) wird installiert.
1995: Die Hauptbibliothek wird räumlich und betrieblich in die Bereiche Forschung und Lehre aufgeteilt. Erstmals wird eine Website aufgeschaltet.
1999: Konversion des bibliothekarischen Verwaltungssystems DOBIS/LIBIS zu ALEPH. Der Verbund wird Mitglied im Informationsverbund Deutschschweiz (IDS).
2004: Die HBI erhält mit der Angliederung der Bibliothek des Universitätsspitals einen dritten Standort auf dem Careum-Campus. Sie wird umbenannt zur Hauptbibliothek der Universität Zürich (HBZ) mit den Standorten Forschungsbibliothek Irchel, Studienbibliothek Irchel und Medizinbibliothek Careum.
2006: Ein Koordinator für Open Access wird mit dem Aufbau des Dokumentations- und Publikationsservers ZORA (Zurich Open Repository and Archive) betraut.  
2013: Der Bibliothekskatalog IDS der UZH wird in den
NEBIS-Verbund der ETH/ZB integriert.
2014: Im Strickhofgebäude wird das Lernzentrum mit 350 Studienarbeitsplätzen eröffnet. Die Irchel-Standorte werden umbenannt zur Hauptbibliothek – Naturwissenschaften und Hauptbibliothek – Lernzentrum, die Medizinbibliothek zur Hauptbibliothek – Medizin Careum.
2017: Erste Auslagerungen von Zeitschriftenbänden
in die Kooperative Speicherbibliothek Schweiz im
luzernischen Büron.
2018: Die Koordination Open Access wird zur Abteilung «Data Services und Open Access», mit zusätzlichem Schwerpunkt Forschungsdatenmanagement, ausgebaut.
2020: Die HBZ feiert ihr 40-Jahr-Jubiläum. Rund 60 Personen (40 Vollzeitstellen) gewährleisten das Bibliotheks-angebot. Bestand HBZ (2018): 400 473 Printmedien, 38 593 elektronische Zeitschriftentitel,169 332 E-Books, 618 Datenbanken.